30.11.2006

... gefangen: Medea mordet am Herd

Am Mittwoch, dem 29. November, war Premiere von "Medea" am Deutschen Theater. Die griechische Tragödie von Euripides wurde in einem kurzweiligen Einakter mit der höchst präsenten Nina Hoss in der Titelrolle aufgeführt. Die Inszenierung bezieht ihren Reiz besonders aus dem modernisierten Text und dem trickreich reduzierten Bühnenbild.
Zum Inhalt: Medea wurde von ihrem Mann, mit dem sie vormals nach Korinth geflohen war, verlassen, weil dieser die junge Prinzessin heiraten möchte. Der Vater der neuen Braut verbannt die legendär kluge und blutrünstige Medea samt ihren Söhnen aus seinem Land. Sie erfleht sich einen Tag Aufschub, den sie emotional aufgewühlt zur Rache an ihrem Mann nutzt. Dieser Rache fallen die Prinzessin, der König und auch ihre eigenen beiden Kinder zum Opfer, so dass ihr Mann am Schluss vor Schmerz, Scham und Wut am Boden zerstört in seinem Elend liegt. Medea nimmt ihren eigen Verlust und Schmerz in Kauf, obwohl sie selbst fürchterlich leidet. Heutzutage würde man es vielleicht einen weiblichen Rundum-Ehrenmord nennen(?).

Der Text wurde von der Regisseurin Barbara Frey und dem Dramaturgen Roland Koberg neu bearbeitet und behutsam modernisiert, ohne dabei neuzeitliche Sprüche zu machen. Nun kommt ein König zu Medea und sagt "Guten Tag" statt "Gegrüßt seist du!". Das macht es sehr viel leichter, sich auf die psychologische und emotionale Ebene des Stücks zu konzentrieren und funktioniert während des ganzen Abends hervorragend. Trotz der Tragik des Stoffs gelingt es der Regisseurin, dem furchtbaren Spiel einige krotesk amüsante Töne zu entlocken: Medeas bissiger Sarkassmus, Jasons Dummdreistigkeiten und der Könige einfache Berechenbarkeit. So sind sie die Menschen und es ist tatsächlich lächerlich.
Die Bühne von Bettina Mayer wird von einer aufgebockten Küche dominiert, die wie ein Guckkasten (Fernseher) in der Mitte des Bühnenraums schwebt. Die Wände der Küche verengen sich zu Medeas Gefängnis, in dem sie aber riesenhaft ihre Zauberkräfte reklamiert. Nur ihr Mann erscheint zweimal innerhalb dieses Seelenraumes, dringt quasi in Medea ein. Alle anderen Protagonisten halten lieber etwas Abstand, oder reichen eher symbolisch an ihr Innerstes. Obwohl man das Bühnenbild auf den ersten Blick zu erfassen glaubt, wird man ständig von den Möglichkeiten dieses trickreichen Aufbaus mit unerwarteten Auftritten und Effekten überrascht.

Nach dem Stück gab es großes Lob für alle Beteiligten, meines eingeschlossen.

28.11.2006

... unverständlich: Berliner Hauptbahnhof soll Gesamtkunstwerk sein

Geht es jetzt vielleicht doch zu weit mit dem Urheberrecht?
Der Stararchitekt Meinhard von Gerkan sieht den Entwurf seines Gesamtkunstwerks "Berliner Hauptbahnhof" als unzureichend umgesetzt an, klagte deshalb gegen die Deutsche Bahn (seinen Auftraggeber und Bauherren) und gewann. In einem Untergeschoss wurde eine Deckenkonstruktion erheblich vereinfacht und das lange Glasdach über dem äußeren Bahnsteig wurde vom Bahnchef Mehdorn aus Geld und Zeitmangel einfach verkürzt. So geht das nicht, sagt von Gerkan und die Richter gaben ihm Recht. Siehe Süddeutsche Online oder Spiegel Online.

Für mich steht im Zentrum die Entscheidung die Frage, ob diese Architektur überhaupt schützenswert ist, und wenn ja, wie sehr?
Kein Zweifel das Projekt ist groß, wenn nicht riesenhaft und der Entwurf entsprechend gigantisch. Die technischen Problemlösungen waren besonders während der Bauzeit beeindruckend, allerdings eher im Bereich Bauingenieurstechnik. Es gibt tatsächlich einige Lösungen, die an kunstvolles Entwerfen erinnern (die große Säulenhalle, das geschwungene und verkürzte Glasdach über der West-Ost-Achse) doch im Großen und Ganzen ist es doch geradlinige Investorenarchitektur. Der Eindruck einer nach marketingtechnischen Gesichtspunkten geplanten Shoppingmall ist doch viel vordergründiger, als der eines künstlerischen Bahnhofentwurfs. Die beiden Turmbauten sind ausschließlich auf flexible Geschossflächennutzung fixiert. Das ist die Art von Architektur, die Architekturstudenten schon im zweiten Semester anfangen zu hassen, weil sie eben unvermeidlich ist. "Der Bauherr will das so" lautet die übliche Entschuldigung für derartige Entwürfe.
Insofern frage ich sehr deutlich, ob die Decke im Untergeschoss unbedingt gewölbt und indirekt beleuchtet sein muss? Ist das so wichtig für das "Gesamt-Shopping-Erlebnis" Hauptbahnhof?
Die Verkürzung des Glasdachs hat mich auch noch nie gestört, wenn ich vom oberen Gleis Richtung Westen abgefahren bin (es ist allerdings auch im Osten beschnitten), aber an dieser Stelle habe ich gewisses Verständnis für die Empörung des Herr von Gerkan. Als Gestalter seines Ausmaßes war er sicherlich nie mit Detailproblemen beschäftigt, sondern hat sich ganz auf die fließenden Bewegungen des Glasdachs konzentriert. Doch dann kam der böse Mehdorn und hat seinem kreativen Fluss, ohne ihn zu fragen, ein voreiliges Ende gesetzt. Das tut schon weh, ich kann es als Designer verstehen.
Eines muss ich Herrn von Gerkan allerdings lassen, der Einsatz mit dem er für "seinen" Entwurf streitet, scheint mit aus der Passion eines gekränkten Künstlers genährt zu sein. Vielleicht ist hier das eigentliche Gesamtkunstwerk zu finden, das es zu schützen gilt?! Doch wie wir alle wissen, bedeutet Passion eben "der Weg des Leidens". Armer Gerkan.

... kiezig: Spaßige deutsch-türkische Hochzeit in Kreuzberg

Ach, wie ist hier alles schön bunt. Gestern lief auf 3sat im Rahmen der Auswahl des 3sat-Zuschauerpreises der Film Meine verrückte türkische Hochzeit". Es ist eine neue deutsche Komödie, die die typischen zwei Ziele verfolgt: Sie soll Spaß machen und sie soll einen kritischen Blick in einen Teil der Gesellschaft richten. Ich finde, beides gelingt!
Ein Deutscher macht einen Plattenladen zwischen lauten türkischen Geschäften auf. Es gibt eine kleine Rauferei zwischen den Ethnien und eine wunderschöne junge Türkin schlichtet den Streit. Der junge deutsche Laden verliebt sich sofort und der schönen Laila geht es nicht anders. Das Drama entwickelt sich entlang der "unmöglichen" Liebe zwischen den Kulturen.
Alle Szenen wurden in Kreuzberg 36 gedreht, die Wrangelstraße im unteren Viertel ist der zentrale Drehort. Hier wurde der Plattenladen des Hauptdarstellers neben den "Gemüsetürken" gesetzt, die männlichen Antipoden des Film zerschlagen sich hier gegenseitig hier ihre Autos.
Im Film werden zwar einige Klischees geschrammt ("Du guckst meine Schwester an?" - "Nein, tu' ich nicht." - "Was, willst du meine Schwester beleidigen? Warum guckst du nicht?" - "Doch, okay ich gucke sie an." - "Was erlaubst du dir? Niemand guckt meine Schwester an!"), doch sowohl in der türkischen wie auch in der deutschen "Welt" haben die "Kulturen" fingerdicke Risse und jede Seite versucht fast schon verzweifelt ihr Wertegerüst zusammenzuhalten. Es gelingt natürlich weder auf der einen, wie auf der anderen Seite. In diesem Film werden sowohl Deutsche wie Türken als Rassisten, als zu liberal, als Weicheier, als Machos und Sexisten beschimpft und genauso werden Türken wie Deutsche als liebende Familientiere, verzeihende Freunde und verständnisvolle Menschen gezeigt.
Wenn das ganze auch nicht unbedingt deckungsgleich mit dem Leben in Kreuzberg ist, ich glaube als filmische Verdichtung mit komödiantem Happyend ist es gut gelungen. Ich bitte um mehr solche Filme, einfach um das Image unseres Bezirks langsam in Richtung Entdramatisierung zu drehen.

26.11.2006

... mitleidend: Knabenchor Berlin wird mit J.S. Bach gequält

Weil mein Neffe neulich im Knabenchor Berlin seine ersten Singübungen begann, machte meine Schwester ein bisschen Werbung für das gestrige Konzert des Chors (auch wenn der Kleine noch nicht mitsang), das gemeinsam mit dem Orchester des Bach Collegiums Berlin in der St. Matthäuskirche an der Philharmonie bestritten wurde. Man nahm sich die Kantaten BWV 80, 137, 29 vor.
Wegen großer Nachfrage bekamen wir nur noch Stehplätze für immerhin 10 Euro, die wir auf der Balustrade vor der Orgel einnahmen. Und dann geschah, was geschehen musste:
Das Kammerorchester ratterte einen Bach ab, wie man es (leider) gewohnt ist. Das Harmonium hupte, die Kornette quietschten und die Streicher schupperten hin und her. Die Leitung des Herrn Karl-Ludwig Hecht beschränkte sich darauf, den monotonen Takt einzuhalten. Auf diese Art erscheint Bachsche Musik überaus absehbar, nie nimmt sie eine überraschende Wendung, Tonleitern werden in endlosen Achteln überstiegen, es fehlt jede Dramatik. Man kann positiv sagen, je kleiner die Besetzung eines Satzes war, desto erträglicher wurde es und desto weniger banal erschien das Werk. Wo soll denn der Genius zu hören sein, den die Menschen aus dieser Musik zu hören glauben, und der sich z.B. darauf auswirkte, dass Bach in der idiotischen ZDF-Show "Unsere Besten" auf Platz 6 der besten Deutschen landete?
Dass es dazu auch eine kunsthistorisch fundierte Gegendarstellung gibt, erklärt sich von selbst.

Doch es geht noch schlimmer: Die Texte der Kantaten. Gott ist groß, mächtig und beschützend, wir Menschen dagegen sind klein, schlecht und schuld. Na prima, so was hört man sich doch gerne an, und vor allem kann es den Knaben im Chor sicherlich recht nützlich sein, sich die Köpfe mit diesem psychologischen Unrat zu füllen.

Aber ich will noch was versöhnliches sagen: Die Sopranistin Maraike Schröter war sehr überzeugend und auch ihre Kollegin im Alt Anna Kratky war schön anzuhören und dazu noch hübsch anzusehen. Außerdem hörte ich mit Genugtuung, dass es auch so geballt auftretender Protestantismus wie hier nicht schaffte, den Stimmen der Jungs zwischen 10 und 18 diese gewisse Rockigkeit auszutreiben. Ich hoffe, da wächst genügend rebellische Jugendlichkeit, um auch einen Bachabend in einer innerlich zu Tode verputzten Schinkel-Kirche unbeschadet zu überleben.
Und natürlich im höchsten Maße lobenswert ist, das vielfältige Persönliche Engagement der Beteiligten, über das ein soziales Netz hergestellt wird, das eine kulturpositivistische Stimmung hochleben lässt und sich dafür stark macht, in dieser Stadt Musikalität zu unterstützen und zu verbreiten. Bravo!

Wir verließen die Veranstaltung zur Pause mit Neffe und Nichte und gingen beim Griechen in der Potsdamer Straße was essen. Die Mütter der beiden genossen den Rest des Abends in der Gewissheit wenigstens ihre Kinder nicht länger zu quälen.

25.11.2006

... begeistert: Eine wahre Klang-Freude auf arte

Was war ich überrascht?! Fernsehen kann ein ästhetischer Genuss sein.
Mit der Sendung Klang, gibt arte einem Format Platz, das einen wirklichen Gegenentwurf zum sonstigen Musikfernsehen liefert. Ich bin vollkommen begeistert!
Mal ganz abgesehen von den Musikern und den Songs, die zu hören waren (dazu später), ist die ganze Sendung vollkommen entschleunigt. Es gibt keine Schnitte, keine seit 15 Jahren trendygen, wackligen Handkameras, keine Deko, keine Tänzer, keinen Nebel, keine Effektstrahler: Hier wird ein Song in einer einzigen, meist sogar starren, Kameraeinstellung aufgenommen. Das Licht ist krass hell, einfach weiß, die Kontraste sind extrem, so dass oft nur Silhouetten der Musiker zu sehen sind. Jede Einstellung ist wie ein lebendes Bild komponiert. Es wurde ein sehr enges visuelles Konzept umgesetzt, das trotz oder gerade wegen der Karkheit und Strenge unglaublich luftig, leicht und locker daherkommt. Die Kreativität der Macher/innen ströhmt aus jeder Einstellung.
Und nun zur Musik: Es geht um handgemachte Lieder, die sich irgendwo in einem Feld mit den Eckpunkten Abzählreim, Chansons, Swing, Hausmusik und Politrock einordnen. Fast alles wunderbar! Man sieht Künstler, die vollkommen überzeugend drei Minuten in die Kamera schmachten können (Emily Loizeau), die als verlebte Kleinphilosophen rauchig jazzten (Johnny Liebling), oder die als Singer-Songwriter die Ami-Attituden über Bord werfen und als aufrechte Berliner(innen) auf englisch singen (Masha Qrella). Nur die Franzosen-Truppe "sebmartel and friends", die wahrscheinlich schon seit den 80ern in Madness-Clownskostümen ach so niedlich rumsitzt, hat mich weniger mitgerissen.
Also mein Fazit: Super, dass es sowas gibt! Unbedingt die nächste Sendung anschauen: Klang 2 - 30. Dezember 2006.

23.11.2006

... zu gut gemeint: Frühwarnsysteme für und gegen alles müssen her!

Warum sind wir so empfänglich für die Idee von "Frühwarnsystemen", die uns nun von allen Seiten zur Lösung aller Probleme versprochen werden?

Hier ein paar Beispiele jüngerer Forderungen und Initiativen:
Das Soziale Frühwarnsysteme
Das von der Leyen-Frühwarnsystem
Die SPD-Innenexperte Wiefelspütz "Killerspiele-Frühwarnsystem-Phantasie
Das Anti-Terror Frühwarnsystem
Das Tsunami Frühwarnsystem als Auslöser der Frühwarnsystemwelle

Fühlen wir uns so ohnmächtig gegenüber den Geschehnissen? Sind wir immer zu spät dran? Muss man uns vor der Welt beschützen? Diese Welt voller unberechenbarer und unvorhersehbarer Gefahren und Abgründe, muss sie mit Sensoren und Datenverarbeitungssystemen durchzogen werden, um uns zu schützen? Schutz vor allem und jedem und vor uns selbst?

Man will es uns zumindest einreden und diese Rede (oder politische Werbung) folgt uralten Mustern: Es geht um Urängste und Urgewalten.
Die Urangst ist die Angst vor dem Bösen im Menschen und in der Natur. Irgendwas muss uns doch schützen können? Jahrtausende lang wurden als Antwort Religionen gestiftet, in unserer sekularisierten Welt wird die Frage nun durch die Einführung allerlei IT-Systeme beantwortet.
Die Urgewalten werfen Fragen nach dem Sinn von Beben, Wellen und Stürmen auf, wobei wir inzwischen klar sehen, dass wir an vielen dieser Phänomene selbst beteiligt sind (siehe Klimakatastrophe).
Die Angst vor Terror liegt irgendwo im Grauen zwischen der Urgewalt und der
Urangst: Man fühlt, dass die Motivation der Täter aus der ökonomischen Ungerechtigkeit der Verhältnisse auf der Welt gespeist werden und weiß doch, dass es einzelner böser Menschen bedarf, um solche Taten auszuführen.

Warum kommt keiner auf die Idee, ein Frühwarnsystem zum Aufspüren von beginnenden Ungerechtigkeiten aufzubauen? Es würde wahrscheinlich bei jedem Einkauf, beim Heizen mit fossilen Brennstoffen, bei der Benutzung des Internets, bei Untätigkeit und selbst bei jeder Geburt aufheulen. Wir lebten im Daueralarm.
Ein klares Zeichen dafür, dass wir ganz viele weitere Frühwarnsysteme brauchen!

... entlarvend: Schwarzarbeiter bieten die bessere Qualität

Was jeder weiß, wird endlich von Maria Rerrich wissenschaftlich bestätigt:
Man holt sich Dienstleistungen als Schwarzarbeit nicht weil sie billiger sind, sondern weil sie besser sind!
Besonders bei den "personennahen" Dienstleistungen (z.B. Altenpflege, Kinderbetreuung etc.) wäre das Preis/Leistungsverhältnis eindeutig auf der Seite des "alternativen Angebots". Meist sind es Frauen aus dem Ausland, die das Tauschgeschäft mit Sozialgefälle eingehen. Sie tauschen Zeit gegen Geld. Wir im Westen geben das "Geld", die knappste Resource in der Welt der Frauen aus dem Ausland, die Frauen ihrerseits geben die "Zeit", die knappste Resource in unserer Welt. Zeit, die es uns erlaubt, erfolgreich im Job und in der Freizeit zu sein.
Sehr interessanter Bericht auf 3sat/kulturzeit.

... respektabel: Cem Özdemir zieht nach SO 36

Sieh einer an: Ein grüner Spitzenpolitiker mit Migrationshintergrund kommt seinen Wählern langsam näher. Schon bevor Cem Özdemir überhaupt in Kreuzberg wohnt, kann er schon von Innen heraus auf Spiegel Online davon berichten.

Er sagt viele richtige Sachen und wagt ein paar Dinge anzusprechen, die man sich als Mensch ohne Migrationshintergrund doch lieber verkneift: Was ist mit der autonomen Rechtsauffassung in Teilen der türkischen Community Kreuzbergs? Wo sind sekulare Moral- und Handlungsinstanzen wie z.B. Polizei und Gewerkschaften, um auf die Mitglieder der ethnisch geschlossenen Gesellschaftsteile vor Übergriffen aus der eigenen Gruppe aufzupassen? Cem Özdemir nennt das ein "Tabuthema", an das er ranngehen will. Ich würde sagen, das ist ein engagierter Einstieg in unser Kreuzberg. Respekt!

Auch das Schul- oder (besser allgemein gesprochen) Bildungsproblem des Bezirks kommt in seinem Artikel vor. Das kann ich nur bestätigen. In Kreuzberg fehlt es an Bildungseinrichtungen und einem Schulkonzept, das der großen Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund gerecht wird.
Dann wird Özdemir versöhnlich und sagt, dass in SO 36 Kinder noch Kinder sein dürften. Das ist bestimmt richtig. Man kann es erleben, wenn man Tanne B auf dem Lausitzer Platz versucht, einen Espresso zu bestellen. Bei Sonnenschein versammeln sich hier die Mütter, Väter oder andere Patchwork-Angehörige der Umgebung mit ihrem lärmenden Nachwuchs, der sehr den Eindruck macht, als bestände er aus Kindern.
Interessant ist allerdings, was die Antwort aller nicht ganz verarmter Eltern darauf ist, wenn sie für ihre Sprösslinge keine Plätze in der Waldorfschule in der Ritterstraße bekommen: Umzug nach Südwest-Berlin. Die besser gestellten Türken, Kurden, Araber verhalten sich übrigens genau gleich. Weshalb dankenswerterweise die Ausländerquote an Schulen in Steglitz und Dahlem ständig steigt und Menschen außerhalb Kreuzbergs eine Spur der realen Verhältnisse aufdrängen.
Ich bin sehr gespannt was bei Familie Özdemir passiert, wenn die Tocher sechs wird. (Aber wahrscheinlich schmückt sich die Waldorfschule gerne mit den Promieltern.)

Hier ein Zitat aus Özdemirs Artikel:
"In der Umgebung des Kottbusser Tors, wo frühere Generationen von Kommunalpolitikern städtebaulich so einiges in den märkischen Sand gesetzt haben, entscheidet sich der Erfolg oder Misserfolg der multikulturellen Gesellschaft. Ein Misserfolg wird es ganz sicher dann werden, wenn Mittelschichtsfamilien, darunter übrigens auch viele mit Migrationshintergrund, dem Stadtteil den Rücken kehren.
Die Verantwortung für die Integration bzw. Erziehung der Kinder und Jugendlichen schieben wir den Eltern, Lehrern und Schulen zu. Aber Integration findet auch in den Wohnzimmern der Mittelschicht statt, etwa wenn der eigene Sohn den türkischstämmigen Freund mit nach Hause bringt. Ich weiß, wovon ich rede."

Wie Recht er hat. Hoffentlich vergisst er es nicht so bald.

21.11.2006

... geldgesteuert: Gesellschaftliche Experimente

Mein Freund B. R. sagte sinngemäß: „Ich bin in der DDR groß geworden. Ich hätte nach der Wende für allerlei gesellschaftliche Experimente zur Verfügung gestanden, denn ich war so erzogen. Wenn man eine neue Art des Zusammenlebens nur gut genug erklärt hätte, so dass man es für vernünftig hätte erachten können, dann hätte ich, und wahrscheinlich auch die meisten anderen, da mitgemacht. Es hätte aber auf jeden Fall nachweislich für alle das Gleiche gelten müssen, denn wir Ostler hatten das Gefühl, das es mit unserem System nicht geklappt hat, weil eben nicht alle – entgegen der Versprechungen – gleich waren.“

(Wie wir alle wissen, gab es 1990 keine mitreißende Idee. Es gab nur Geld.)
Ich glaube diese Worte verweisen auf eine zutiefst deutsche Sehnsucht. Auf die Vernunft als nationstiftende Einheit. Deutschland als Nation entstand als Vernunftsbund zum Wohle aller Beteiligten. Die Nation ist deshalb auch eine Nation im Geiste und nicht eine territoriale! Die Beteiligen waren bei dem "mehrstufigen" Gründungsprozess übrigens alles andere homogen zusammengesetzt, nicht kulturell, nicht ethnisch, nicht im Glauben, nicht einmal sprachlich. Diesem Umstand haben wir es auch zu verdanken, dass die „deutsche“ Kultur so reich und vielfältig ist. Das klingt nun alles sehr schön, integrativ und friedlich, doch leider ist der Vernunftsbegriff – genau wie die Wissenschaft – kulturabhängig. D.h. kommen neue Moden, Ideen und Kulturen auf, verändert sich auch die Vorstellung des Vernünftigen.
Genau an diesem Punkt wird es gefährlich, denn die Vernunft ist gegenüber der Ökonomie anfällig. Vernünftig ist das, was augenscheinlich zur Verbesserung der ökonomischen Lage aller und vor allem des entscheidenden Einzelnen ist. Deshalb lässt sich der „vernünftige“ Deutsche kaufen.
Hätten doch nur die richtigen das Geld. Heute wie damals.

Braucht die Welt ein Blog, das von mir geschrieben und publiziert wird?

Als faire Geste gegenüber den gemutmaßten Lesern, will ich diese Frage als erste versuchen zu beantworten. Und ich denke, eine solide Selbstversicherung (Selbstberechtigung) kann auf einem ungewissen Weg sehr helfen.

Die Frage weist auf viele Ansatzpunkte: „Brauchen“ was ist das? Wann braucht man etwas? Wer braucht etwas? Wer ist die Welt, die hier etwas brauchen soll? Richtet sich das Publizieren überhaupt an die Welt? Warum gerade in Form eines Blogs? Was macht das Blog zum Blog? Warum sollte gerade ich schreiben? Warum sollte die Welt gerade meine Niederschriften lesen? Muss das Publizieren auf schreiben beschränkt sein? Was ist überhaupt Publizieren? Publikum? Warum glaube ich einem Publikum etwas schreiben zu müssen?

Das ist nur der Klärungsbedarf, der sich direkt aus der Frage ableitet. Darüber hinaus stellen sich Fragen nach dem Inhalt des Geschriebenen bzw. des zu Schreibenden: Worüber werde ich schreiben? Warum werde ich darüber schreiben? Ist es sinnvoll, über etwas zu schreiben, über das andere auch schon geschrieben haben? Muss man über etwas schreiben, über das andere noch nicht geschrieben haben? Reicht es aus, der eigenen Subjektivität Ausdruck zu verleihen? Objektivität gibt es ohnehin nicht.

Nun, da das Bloggen als Spielart des Tagebuchschreibens zu sehen ist, in dem eine Person ihr Erlebtes aufschreibt, geht es wohl zu einem gewissen Teil um mich als das schreibende Subjekt. Das Ich als subjektive Erzählquelle meiner Erlebnisse, oder als subjektiv filternder Spiegel ist für eventuelle Rezipienten zur Einordnung des Geschriebenen von Bedeutung. Darum gibt es weiter Informationen zu meiner Person.

Ein Blog ist als Meinungsveröffentlichung zu verstehen. Die Artikel werden meine Meinungen zu verschiedenen Themen widergeben und alles, was ich schreiben werde, wird auf mich zurückfallen. Mein Schreiben, nur als meine Meinung zu betrachten, missfällt mir jedoch sehr, weil ich keine gute Meinung von Meinungen habe. Eine Meinung kann völlig frei von Argumenten gebildet werden, was sie für mich zu etwas Willkürlichem macht. Man wird z.B. bei dem grandios furchtbaren Claim der Bildzeitung „Bild dir deine Meinung“ darauf gestoßen. Die veröffentlichten Meinungen sind in diesem Blatt allerdings trotz marginaler Argumentation massenwirksam. Das wiederum würde mir gefallen, wenn sich meine Meinungen auf andere Menschen (und deren Meinungen) auswirken würden, da ich meine (schlechte) Meinung als geradezu wertausrichtend betrachte. Nach dem Karikaturenstreit durch die Veröffentlichung der Mohammed-verhöhnenden Zeichnungen in der dänischen Zeitung „Jyllands Posten“ konnte ich in ‚Die Zeit’ lesen, dass man, gegenüber der westlichen Welt akzeptieren muss, dass hier Religion und besonders der eigene Glaube, auf das Niveau einer Meinung zurecht gestuft ist. Das akzeptiere ich voll und ganz und, dass es so ist, erhöht meine Meinung von der Wertigkeit einer Meinung sehr. Ich denke also, dass es in Ordnung ist, wenn dieses Blog als meine Meinungsäußerung verstanden wird.

Nun fragt sich, ob die Welt meine Meinung braucht? Da wir ein Grundrecht auf freie Meinungsäußerung haben, ist es also zumindest legal, meine Meinung zu verbreiten. Bin ich aber auch legitimiert? Auch wenn etwas erlaubt ist, kann es trotzdem moralisch verwerflich sein und dadurch seine Legitimität verlieren. Das kann aber erst anhand des Inhalts des Blogs oder der einzelnen Beiträge entschieden werden. Ich habe also vorläufig das Recht zu bloggen, aber wozu eigentlich? Wer braucht das? Gelesen wird das Blog ja sicherlich nur von Menschen, die gewillt sind sich mit mir und meinen Meinungen auseinander zusetzen. Sind diese Leute identisch mit denen, die mein Blog eventuell brauchen? Wahrscheinlich kann das nicht im Voraus beantwortet werden. Kant würde sagen: Doch und zwar a priori! Ich soll zur Beantwortung die Logik benutzen. Wenn ich bei Kant bleibe und behaupte, dass meine Meinung und mein Handeln zusammenfällt und von mir aus als Maxime „jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten“ (Kant – Kritik der praktischen Vernunft, § 7) können, dann können andere Menschen dieses Blog brauchen. Es könnte sogar die Welt verändern.

Ich fühle mich also legitimiert, als Mensch, als Bürger, als Mann, als Person – Freund, Lediger, Familienmensch, Sohn, Kinderloser, Patenonkel, Kinogänger, Musikliebhaber, Fan, Bewunderer, Konzertbesucher, Leser, Schreiber, Designer, Grafiker, Programmierer, Erfinder, Künstler, Spieler, Kritiker, Europäer, Deutscher, Berliner, Kreuzberger, Großstädter, Landflüchtiger, Angestellter, Selbstständiger, Kleinunternehmer, Dienstleister, Ausbilder, Steuerzahler, Versicherter, Patient, Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger, Vegetarier, Trinker, Ironiker, Satiriker, Amateur, Unwissender und Vergesslicher.

In allen meinen Eigenschaften, die mehr oder weniger gesellschaftlichen Rollen entsprechen, habe ich Erfahrungen und gewisse Vorstellungen, die den Bildungshintergrund (im Sinne einer Montage) für meine Meinungen ergeben. Mit Meinungen, die in diesen Zusammenhängen zustande gekommenen sind, können bestimmt viele Menschen etwas anfangen, die sich einen ähnlichen Rollenteppich gewoben haben. Oder aber Menschen, die gerade ganz andere Rollen einnehmen und deshalb einen deutlich anderen Blick auf die Welt richten. Mein Erlebnis-Background wird sich hoffentlich als ein Standpunkt erweisen, von dem aus ich die Welt aus einem Blickwinkel betrachten und beschreiben kann, aus dem nicht sowieso alle auf die Dinge schauen. Insofern kann ich vielleicht blickfelderweiternd tätig sein. Und das können sicherlich viele Menschen (einschließlich meiner Person) brauchen. Das gilt auch dann, wenn ich lediglich Zweit- oder gar Drittverwerter einer Nachricht sein sollte, und schon viele andere vor mir ihre Kommentare, Einsichten oder Meinungen in ihren medialen Kontexten kund getan haben.

Bleibt nur noch ein Fragenkomplex unbeantwortet – alles rund ums Publizieren: Die Kommunikation mittels Vervielfältigung an die Öffentlichkeit. Ich verstehe mein Schreiben als Sprechen zu anderen Menschen, die zusammen eine Öffentlichkeit bilden. Wie offen diese Öffentlichkeit ist, mein Blog zu lesen, muss sich zeigen. Ich stelle mich jedenfalls mit meiner Meinung in die Öffentlichkeit, spreche diese an und hoffe, dass die Kommunikation zu einem Dialog wird. Es soll ein Geben und Nehmen werden, was sich im Internet ja meist konkret durch Vernetzung zeigt. Hier liegt allerdings eine meiner Schwächen versteckt, die zum Thema Öffentlichkeitswirksamkeit eher hinderlich ist. Networking ist nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung. Ich hatte immer lieber wenige gute als viele oberflächliche Freunde. Außerdem hasse ich das übliche Namedropping, mit dem man sich gegenseitig Relevanz zuschreibt. Es wird sich zeigen, wie sehr sich das auf dieses Blog auswirkt.

Als Fazit zur eingangs gestellten Frage kann ich nun hoffentlich gut argumentiert sagen, es gibt keinen Grund, warum ich nicht bloggen sollte.