26.11.2006

... mitleidend: Knabenchor Berlin wird mit J.S. Bach gequält

Weil mein Neffe neulich im Knabenchor Berlin seine ersten Singübungen begann, machte meine Schwester ein bisschen Werbung für das gestrige Konzert des Chors (auch wenn der Kleine noch nicht mitsang), das gemeinsam mit dem Orchester des Bach Collegiums Berlin in der St. Matthäuskirche an der Philharmonie bestritten wurde. Man nahm sich die Kantaten BWV 80, 137, 29 vor.
Wegen großer Nachfrage bekamen wir nur noch Stehplätze für immerhin 10 Euro, die wir auf der Balustrade vor der Orgel einnahmen. Und dann geschah, was geschehen musste:
Das Kammerorchester ratterte einen Bach ab, wie man es (leider) gewohnt ist. Das Harmonium hupte, die Kornette quietschten und die Streicher schupperten hin und her. Die Leitung des Herrn Karl-Ludwig Hecht beschränkte sich darauf, den monotonen Takt einzuhalten. Auf diese Art erscheint Bachsche Musik überaus absehbar, nie nimmt sie eine überraschende Wendung, Tonleitern werden in endlosen Achteln überstiegen, es fehlt jede Dramatik. Man kann positiv sagen, je kleiner die Besetzung eines Satzes war, desto erträglicher wurde es und desto weniger banal erschien das Werk. Wo soll denn der Genius zu hören sein, den die Menschen aus dieser Musik zu hören glauben, und der sich z.B. darauf auswirkte, dass Bach in der idiotischen ZDF-Show "Unsere Besten" auf Platz 6 der besten Deutschen landete?
Dass es dazu auch eine kunsthistorisch fundierte Gegendarstellung gibt, erklärt sich von selbst.

Doch es geht noch schlimmer: Die Texte der Kantaten. Gott ist groß, mächtig und beschützend, wir Menschen dagegen sind klein, schlecht und schuld. Na prima, so was hört man sich doch gerne an, und vor allem kann es den Knaben im Chor sicherlich recht nützlich sein, sich die Köpfe mit diesem psychologischen Unrat zu füllen.

Aber ich will noch was versöhnliches sagen: Die Sopranistin Maraike Schröter war sehr überzeugend und auch ihre Kollegin im Alt Anna Kratky war schön anzuhören und dazu noch hübsch anzusehen. Außerdem hörte ich mit Genugtuung, dass es auch so geballt auftretender Protestantismus wie hier nicht schaffte, den Stimmen der Jungs zwischen 10 und 18 diese gewisse Rockigkeit auszutreiben. Ich hoffe, da wächst genügend rebellische Jugendlichkeit, um auch einen Bachabend in einer innerlich zu Tode verputzten Schinkel-Kirche unbeschadet zu überleben.
Und natürlich im höchsten Maße lobenswert ist, das vielfältige Persönliche Engagement der Beteiligten, über das ein soziales Netz hergestellt wird, das eine kulturpositivistische Stimmung hochleben lässt und sich dafür stark macht, in dieser Stadt Musikalität zu unterstützen und zu verbreiten. Bravo!

Wir verließen die Veranstaltung zur Pause mit Neffe und Nichte und gingen beim Griechen in der Potsdamer Straße was essen. Die Mütter der beiden genossen den Rest des Abends in der Gewissheit wenigstens ihre Kinder nicht länger zu quälen.

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